Domkonzert 17. Dezember 2006

Georg Friedrich Händel: Der Messias
Margriet Buchberger, Sopran
David Erler, Altus
Hubert Nettinger, Tenor
Manfred Bittner, Bass
Domorganist Martin Bernreuther, Continuo
Ensemble Lodron München
Eichstätter Domchor
Leitung: Domkapellmeister Christian Heiß

aus dem Eichstätter Kurier, 20. Dezember 2006

"Der Messias, der aus der Kälte kam"
Die Weihnachts-konzerte im Dom gelten zu Recht als ein letzter Höhepunkt im Jahreskreis des Eichstätter Konzert-lebens. So nimmt es nicht Wunder, dass kaum mehr ein freier Sitzplatz zu finden war. Sogar der neue Bischof befand sich unter den interessiert und fachkundig lauschenden, vielleicht sogar dann und wann die Hände zum Gebet faltenden und meditierenden Zuhörern. Und das gute zweieinviertel Stunden lang in der eisig kalten Kathedrale.

Da musste schon ein besonderes Werk in einer besonderen Interpretation auf dem Programm stehen: Händels "Messias", auf Deutsch gesungen und musiziert von exquisiten Kräften und bewegender Darstellung, die die ganze Skala menschlicher Empfindungen von hoffender Freude bis zu trauriger Verlassenheit beim Zuhörer mitklingen ließ: Der Eichstätter Domchor, das Ensemble Lodron und Solisten unter der Leitung von Domkapellmeister Christian Heiß.

Händel hat in London (und natürlich auf Englisch), Anregungen seines Freundes und Textdichters Charles Jennens folgend, dieses Spitzenwerk abendländischer Musik 1741 komponiert, Texte aus dem Alten Testament, abwechselnd mit Passagen des Neuen Testamentes, aus den Apostelbriefen und der Geheimen Offenbarung des Johannes bilden die Grundlagen des grandiosen Oratoriums. Christian Heiß hat diskret gekürzt (etwa bei einigen Dacapo-Arien), aber das hat Händel selber schon gemacht und Mozart ist ihm später gefolgt.

Das Zentrum bilden die Chorpassagen, die der Domkapellmeister trotz einer Erkrankung makellos und packend, durchsichtig und klangschön zu gestalten wusste, auf seinen Domchor ist halt Verlass! (...)

Die Streicher des Ensembles Lodron, ergänzt durch zwei glänzend disponierte Trompeter nebst Pauken, konnten hohen Ansprüchen gerecht werden, ein Höhepunkt war die Hirtenmusik des ersten Teiles, „Pifa“ überschrieben und im wiegenden 6/8 Takt, als Ständchen für den neugeborenen Gottessohn.

Zuverlässig und harmonisch grundierend spielte die Continuo-Gruppe mit Martin Bernreuther an der kleinen Chororgel. Die vier Solisten für die Arien und Rezitative waren Margriet Buchberger mit strahlend leuchtendem Sopran, der Altist David Erler, gar nicht so kalt singend wie es oft bei Counter-Sängern üblich ist, sondern mit bewegendem Timbre, dann der Tenor Hubert Nettinger mit sicherer Stimmführung und vorzüglicher Textverständlichkeit und als Bassist Manfred Bittner, der über ausgewogene Register verfügt und eine tragende Tiefe besitzt. Zu bemängeln wäre lediglich, dass Vokalisten und Orchester nicht immer rhythmisch im Einklang waren.

Christian Heiß war wie gewohnt ein inspirierter und inspirierender Leiter, die Seele der Aufführung und große Ruhe ausstrahlend. Das fiel vor allem bei dem berühmten „Halleluja“ des zweiten Teiles auf, das gar nicht auftrumpfend kam, sondern etwas verhalten, trotz Pauken- und Trompeteneinsatz.

Wie ergriffen die Zuhörer waren, belegte die lange Nachklang-Pause am Ende des Werkes, ehe der wohlverdiente Beifall einsetzte. Die Dombesucher hatten wirklich ein wunderbares Weihnachtsgeschenk erhalten, das Ruhe und Besinnung in die hektischen Vorfesttage bringen konnte.

aus "Bayerische Staatszeitung", 22. Dezember 2006

„Schwebender Klang im Kirchenschiff“
Eine halbe Stunde vor Beginn im überfüllten Eichstätter Dom, der Chorraum noch wie ein dunkel glänzendes Geheimnis: Das ist eine selten gewordene kontemplative Einstimmung auf eine Aufführung von Händels „Messias“ unter Christian Heiß: Angesichts einer Menge Weihnachtsspektakel als letztes der Domkonzerte dieses Jahres ein Erlebnis der besonderen Art. Kein barockes Glitzern und Auftrumpfen, keine rekordverdächtig dahineilendenden Koloraturen, sondern angesichts der langen, der Gotik geschuldeten Nachhallzeiten schlägt Heiß überaus moderate Tempi an, ein schwebender Klang irrlichtert durch die Kirchenschiffe - nie gewichtig, aber doch bedeutungsschwer bis hin zum „Halleluja“. Das wird ganz leise innig und beseelt angestimmt und entfaltet seinen Glanz allmählich: Weihnachtsfriede, erst in zweiter Linie Pauken und Trompeten.

Das alles passt so recht in dieses adventliche Eichstätt mit seinen lichtergeschmückten Bäumen vor dem Dom: gottlob kein Buden-Rummel. Passt auch in das Domkonzerte-Konzept von Christian Heiß mit gewichtigen Werken der Literatur, mit berühmten Gästen wie 2007 etwa Olivier Latry aus Paris und dem Samstagmittags-Zugeständnis an Studenten und Touristen, die sommers nicht mehr als eine halbe Stunde Zeit haben für ein Orgelkonzert.

Unterstützt vom Domorganist Martin Bernreuther entwickelt Heiß ein Profil, in das auch dieser „Messias“ passt: sorgfältig einstudiert, mit moderaten Dirigiergesten abgerufen, präzise, mehr leicht und tänzerisch, was dem Krippenspiel der Orchester-„Pifa“ zugute kommt („Ensemble Lodron“ aus München).

Seine kompetenten Solisten sorgen für die nötige Expressivität dieser zwei Händel-Stunden: Margriet Buchberger in hymnischem Verkündigungston ganz der hingebungsvolle Sopran mit unerschöpflichem Jubel in der Stimme, mit einem Ausdrucksradius von geschmackvoller Noblesse bis zu beeindruckender Bitterkeit der Tenor von Hubert Nettinger, mit hingetupften Vokalen und lang gezogenen Melodielinien der Altus David Erler oder in markiger Dramatik Manfred Bittner mit der Basspartie. Der Domchor nimmt den Stil bruchlos auf: mit feiner Artikulation, leicht aktivierbaren Reserven, rundem, nie angestrengtem Ton. Heiß setzt nicht auf den billigen Brillanteffekt, sondern auf die wortgewaltige Heilsbotschaft und erreicht damit die Herzen seines Publikums.