Domkonzert 10. Februar 2008

Pressebericht im Eichstätter Kurier, Februar 2008

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Foto: Marco Schneider

Vom ersten Ton an voll und ganz überzeugend

Eichstätt (EK) Können Männerstimmen unterschiedlicher klingen? Bei zwei Domkonzerten innerhalb von drei Wochen konnte man die klangliche Spannweite deutlich erleben. Zunächst waren die neuen Don-Kosaken mit einem nachweihnachtlichen Auftritt zu hören, dröhnend die Bässe, voluminös die Tenöre, Fortestellen bis zur Schmerzgrenze ausgereizt. Und letzten Sonntag kamen dann die nicht minder berühmten Singphoniker, ausgewogen und durchsichtig musizierend, jeder der fünf Sänger ein Solist, der sich stets dem Gesamtklang unterzuordnen wusste, jedoch jede Verästelung der Stimmführung nachvollziehen konnte.
Als ich das Programm sah, hatte ich anfangs Bedenken: Kann man das De La Rue-Requiem, ein geschlossenes Ganzes, so aufbrechen und die Einzelteile Werken der Moderne gegenüberstellen? Wie kommen die manchmal doch etwas als "Gaudi-Burschen" auftretenden Sänger, die ihren kleinen Kaktus besingen oder mit ihrer Veronika den Lenz kommen lassen, mit einem Programm, dem es um letzte Dinge geht, zurecht? Passt der Drei-Groschen-Weill in einen sakralen Raum?
Total ausgeräumt wurde die Skepsis aber schon beim ersten Ton: Das ganze Programm war von bewegendem Ernst getragen, tief schürfend an die Fragilität, die Zerbrechlichkeit alles Irdischen erinnernd. So wurde der Auftritt der in schlichtes Schwarz gekleideten jungen Herren zu einem würdigen Abschied-Requiem für den einige Tage vorher verstorbenen und allseits beliebten Domkapitular Manfred Winter, dessen Bild neben dem Altar postierten Chor aufgestellt war.
Jeder der einzelnen Programm-Punkte war dem stimmungsmäßig einheitlichen Grundgedanken untergeordnet: Alles auf Erden ist von der Vergänglichkeit bedroht, wie der Titel "Fragile" aussagte. Viele Werke des franko-flämischen Komponisten Pierre de la Rue ( † 1518), der am Hofe der burgundischen und französischen Herrscher, zuletzt bei Kaiser Karl V. weilte, haben die Jahrhunderte überdauert. In der stilsicheren Interpretation der fünf Singphoniker überzeugten die sieben Teile des Werkes "Missa pro fidelibus de functis" durch Ernst, bewegende Trauer und absolut klare Tongebung, ohne jeden falschen Drücker. Nach Texten Bert Brechts hat Kurt Weil 1928 – zur gleichen Zeit wie seine Dreigroschen-Oper – sein pazifistisches "Berliner Requiem" geschrieben. Im streng durchgezogenen Marschrhythmus wird hier gegen Krieg und den Missbrauch des "Heldentotes" demonstriert, ein bezwingender Auf- und Nachruf in der Darstellung des kleinen Ensembles.
Sinn- und stimmungsgleich stellten sich auch die impressionistisch gefärbten Chorsätze von Rautavaara (nach einem Text von Baudelaire), von Miskinis (nach einem Gedicht des indischen Nobelpreisträgers Tagore) und von Nystedt (aus dem Johannes-Evangelium) kontrastierend zur Renaissancemusik de la Rues gegenüber. Einen Höhepunkt stellten die Textvertonungen nach Herder ("Liebe") und Simon Dach, dem wir auch das "Ännchen von Tharau" verdanken (Lied der Freundschaft") durch den jungen Richard Strauss dar; die Singphoniker haben ihm auch eine CD gewidmet. Was da an harmonischer Delikatesse und klanglicher Raffinesse geboten wurde, stellte vieles Postmoderne in den Schatten. Als die letzen Töne des abschließenden Marien-Hymnus "Totus Tuus" des polnischen Gegenwarts-Komponisten Henryk Nikolaj Gorecki (geboren 1933) verklungen waren, folgten Minuten ergriffenen Nach-Hörens der vielen Domkonzertbesucher, bis dann die Domglocken den Abschluss eines bewegenden Programms markierten.