Domkonzert am 14. Dezember 2008

Pressebericht zum Domkonzert im Eichstätter Kurier

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Foto: Marco Schneider

Mitreißende und temperamentvolle Soli

Eichstätt (EK) Das "Rorate caeli desuper" – Tauet Himmel von oben – sang am Sonntagabend – vorerst im rückwärtigen Teil der Kathedrale – eine Tenorstimme in benediktinischer Strenge hinein die dämmrige Stille der gotischen Hallenkirche, und der Domchor nahm diese mittelalterliche gregorianische Melodie auf, jene Worte, mit denen einst der Prophet Jesaja die Sehnsucht nach dem Erlöser ausgesprochen hatte. So begann das Weihnachtskonzert des Eichstätter Domchores.

Die Sänger unter Domkapellmeister Christian Heiß griffen diesen Text noch ein weiteres Mal auf, diesmal vierstimmig als Komposition des frühen Niederländers Jan Campanus-Votnanstijs, und öffneten somit einen weit gespannten Bogen abendländischer Musik bis in die Gegenwart.
Es folgte, jetzt unter der Vierung vor dem Altar, Orlando di Lassos Zuspruch "Confortamini" – Habt Mut! –, ein getragener vierstimmiger Satz der Renaissance. Und dann die energische Aufforderung "Machet die Tore weit" für acht Stimmen von Andreas Hammerschmidt mit dem dramatisch-präzisen Frage- und Antwortspiel: Wer ist derselbige König? Schließlich das jubelnde Hosianna für den Messias. Verhalten-geheimnisvoll dagegen "Übers Gebirg Maria geht", ein fünfstimmiger Satz von Johann Eccard, der Sopran schwebend-hochgestimmt: Er ist mein Heiland und mein Gott! Und die einzelnen Chorstimmen wissen nachfolgend das "große Geheimnis" von Bethlehem "anschaulich" empfindsam bis zum Decrescendo am Schluss zu würdigen, wie es Tomas Luis da Victoria mit seinem "O magnum mysterium" – so die Thematik des Abends – überliefert hat.

Der marianischen Zeit des Advents widmete sich auch Martin Bernreuther an der Orgel: In Johann Speths "Magnificat" klang schon die fröhlich-barocke Spielfreude verschiedener Stimmen und Instrumente durch, während Max Reger mit einem "Ave Maria" in Des-Dur gestattete, einem verhaltenen Zwiegespräch zwischen dem Engel und der Jungfrau zu lauschen. Ebenso sah sich Christian Heiß diesem Komponisten verpflichtet. Er führte wieder mit leichter Gestik den Chor zum volkstümlichen "Und unser lieben Frauen Traum". Auch hier dokumentierten die Sänger ihre Meisterschaft beim Wechsel der Dynamik, sei es ein "traumhaftes" Pianissimo oder ein energisches Forte. Anton Bruckners Werk "Virga Jesse floruit" dokumentierte einen ersten Abschluss: Das Reis aus Jesse ist aufgeblüht! "Hele täht", ein siebenstimmiges Werk des Marienlobs, von Urmas Sisak, einem estnischen Komponisten (*1960), dürfte einer der Höhepunkte des Abends gewesen sein: Über dem Chor solistische Frauenstimmen gleich einem Glockenspiel, mitreißend und temperamentvoll!

Felix Mendelssohn-Bartholdys "Lasset uns frohlocken" und "Frohlocket, ihr Völker auf Erden", beide prächtige achtstimmige Dialoge der Chorstimmen, beide enden im Halleluja. Darauf ein weiteres "O magnum mysterium", ein Satz von Francis Poulenc, pianissimo begonnen und fromm beherrscht durchgeführt. Die Orgel entführte mit drei Choralvorspielen Franz Lehrndorfers schon an die Krippe: "Zu Bethlehem geboren", nach Art eines Wiegenlieds; "O laufet, ihr Hirten" ließ temperamentvoll kräftig auftretendes Laufen vernehmen, und dann hieß es "Still, still, still" wieder im wiegenden Rhythmus.

Die folgenden Chorstücke, unter ihnen ein Lied von Christian Heiß selbst und seinem Vorgänger im Amt, Wolfram Menschick, huldigten dem volkstümlichen Weihnachtslied "und war(en) doch also nette", wie es bei Franz Biebl heißt, sprich: ohne theologische Aussagen, jedoch nicht weniger anspruchsvoll-wohlklingend gesungen. Doch dann noch einmal "O magnum mysterium", komponiert von Morten Lauridsen, ein dynamisches, chromatisches Werk, bei dessen Vortrag es wiederum bis zum letzten verklingenden Pianissimo ganz auf die aufmerksame Zusammenarbeit von Dirigent und Chor ankam. In die andächtige Stille fielen die Klänge des Domgeläutes ein.

Von Gregor Maria Senge