Domkonzert am 25. Oktober 2009

Höchstes Werk des höchsten Meisters
Mozarts „Requiem“ im Eichstätter Dom / Bewegende Deutung


Mozarts „Requiem“ gehört zu den geheimnisvollsten Werken der Musikgeschichte: Das „opus summum viri summi“ („höchstes Werk des höchsten Meisters“), wie es ein Zeitgenosse Mozarts nannte, bleibt von Rätseln umwittert. Da kommt ein düsterer Besteller wie aus dem Jenseits zum todkranken Meister und verlangt die Komposition einer Totenmesse, die zum Abgesang für den Komponisten wird, ein Werk zwischen Zeit und Ewigkeit, voll Spannungen zwischen dem uralten Text und einer so ganz persönlichen Musik voll Todesangst und Jenseitshoffnung.
Bis heute weiß man nicht exakt, was von Mozart selbst noch vollendet ist, was Skizze blieb oder von wohlmeinenden Schülern und Freunden stammt. Nach dem jetzigen Stand der Forschung ist mangels ausreichender Manuskripte wohl das Urteil des Mozart-Forschers Friedrich Blume zutreffend: „In der Komposition bis auf kleine Flicken wohl durchweg von Mozart, in der Instrumentation bis auf die beiden ersten Sätze torsohaft und stark beeinträchtigt.“ Dem Domchor und dem Kammerorchester L´arpa festante gelang zusammen mit dem Solisten-Quartett Helen Rohrbach (Sopran), Sonja Koppelhuber (Alt), Michael Mogl (Tenor) und Manfred Bittner (Bass) unter der ruhig - bestimmten Leitung von Domkapellmeister Christian Heiß eine wirklich bewegende, unspektakulär „fromme“ Deutung des großartigen Werkes.
Im klein gehaltenen Orchesterklang (nur zwei Celli und ein Kontrabass), stets durchsichtig musizierend, ist man heutzutage zwar statt der Klarinetten die auch von Mozart verwendeten Bassetthörner gewohnt mit ihrem wunderbar gedeckten Timbre, aber für die diffizile Akustik im Dom war die Besetzung gerade recht. Bei gelegentlich etwas verwischten Einsätzen musizierte der stark verjüngte Chor stets klar ohne jeglichen pseudoromantischen Drücker.
So gelangen die betrachtend-besinnlichen Passagen besonders eindrucksvoll, etwa das bewegende „Lacrimosa“ oder das andächtige „Agnus Dei“. Die beiden eingangs interpretierten Kompositionen von noch lebenden modernen Tonsetzen waren mehr als nur Füller, sondern auch „gekniete“ Musik, wie es Joachim Kaiser einmal von Bruckner formulierte: Vom englischen Komponisten Johann Taverner sang der Chor a cappella den „Song for Athene“ (1993), der weltweit bekannt wurde, weil er beim Requiem für Lady Diana gesungen wurde, ein Stück, das sich eindringlich an der russisch-orthodoxen Kirchenmusik orientiert.
Das L´arpa festante Orchester spielte von dem durch seine meditative Kirchenmusik, die stets tonal gebunden und mit Anklängen an die so genannte Minimal-Music geschrieben ist, bekannten estnischen Komponisten Arvo Pärt den „Silouans Song“, benannt nach dem russischen Mystiker gleichen Namens.
Die beiden Werke leitete Christian Heiß gewohnt sicher und bestimmt. Das minuten-lange andächtige Schweigen des voll besetzten Domes besagte mehr als lauter Beifall, der erst nach dem Verklingen der Kathedralglocken einsetzte.
                                                                   Hawe

Eichstätter Kurier, 29.10.2009